1938 / 1939
8.September 1938
An diesem Tag kommt das „Aus“ für das Caritasheim der Stadt Duisburg-Hamborn. Das „Kinderdorf“ wird aufgelöst. Das Gelände wird wieder einer militärischen Nutzung zugeführt. Ein Fliegerhorst entsteht.
Die Reichsvermögensstelle übernimmt den gesamten Bereich zwecks Neubaus zum Fliegerhorst. Es entstanden drei befestigte Rollbahnen, die in der Form eines Dreiecks den ehemaligen Landeplatz der Luftschiffe umschließen.
Übernahme und Aufbau eines Fliederhorstes durch die deutsche Luftwaffe.
14. September 1939
Am 14. September 1939 wurde die Kinderheilstätte Ahlhorn (ehemaliges Offizierskasino) von der Wehrmacht beschlagnahmt. Die Gebäude wurden zur Unterbringung von Landsturmmännern genutzt. Als sie die Räume in Benutzung nahmen, waren diese zum Teil ausgestattet mit Möbeln, die für Kinder angefertigt waren. Die Soldaten kümmerten sich wenig um diese Dinge. Sie zerschlugen Tische und Stühle und nutzten sie als Heizmaterial.
Der folgende Bericht entstammt aus „Erinnerungen an die Zeit vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg“ von Heinrich Lueken:
… Viele Jungen, auch ich, interessierten sich natürlich besonders für das Militär. Die erfolgreichen Wehrmachtseinheiten und hoch dekorierten Soldaten wurden uns in der Wochenschau auch entsprechend präsentiert. Die Filme wurden im Saal der Gastwirtschaft meines Onkels am Markt gezeigt.
Der wurde aber bald mit Soldaten der Luftwaffe belegt. Der Fliegerhorst Ahlhorn war Einsatzflughafen geworden, von dem Bombemeinsätze nach England geflogen wurden. Die Luftwaffensoldaten gehörten jetzt in Großenkneten zum täglichen Bild. Offiziere und Unteroffiziere waren in Privatquartieren untergebracht, während die übrigen Soldaten im Saal der Gastwirtschaft schlafen mussten.
Die Garage des Pastors nebenan diente als Verpflegungslager, in dem der Fourier, so nannte man den Verpflegungsoffizier, täglich die Rationen an Aufschnitt, Butter usw. zuteilte. Eine Sorte Wurst war bei den Soldaten wohl nicht so beliebt und sie nannten sie „Luftwaffenverfolgungswurst“.
In der Turnhalle an der Hauptstraße waren die Fallschirme der Flugbesatzungen gelagert. Ein Unteroffizier war damit beschäftigt, in vorgeschriebenen Abständen auf einem langen Tisch die Fallschirme auszupacken, auf Fehler zu untersuchen und fachgerecht wieder einzupacken. Ich habe ihn mehrmals zugeschaut und er hat mir alles genau erklärt.
Bei uns war auch fast immer ein Offizier der Luftwaffe einquartiert. Dadurch bekam ich unmittelbar Kontakt mit erfolgreichen Fliegern, die hohe Auszeichnungen trugen. Da wurde über die Gefahren ihrer Einsätze und Verluste nicht gesprochen. Nur einmal erfuhr ich davon. Ich sah im Hof der Gaststätte, wie ein Soldat Briefe und andere persönliche Dinge verbrannte. Auf meine Frage sagte er mir, dass eine Besatzung „nicht zurückgekehrt“ sei und jetzt die persönlichen Sachen der Kameraden an die Familien geschickt würden. Vorher aber Briefe oder Geschenke von Freundinnen, von denen die Familie nicht unbedingt erfahren müsste, verbrannt würden.
An einem schönen Sommertag nahm mich der bei uns einquartierte Offizier im offenen Kübelwagen mit zum Fliegerhorst nach Ahlhorn. Während er zur Besprechung ins Gebäude ging, durfte ich auf dem Vorfeld die Flugzeuge anschauen. Es waren zwei-motorige Bomber vom Typ Junkers Ju 188 mit vier Mann Besatzung. Ich hatte schnell Kontakt zu den Mechanikern und sie ließen mich in eine Maschine klettern. Eingestiegen wurde von unten. Ich habe das Bild noch heute vor Augen: Vorne in der großen gläsernen Kanzel war links der Platz des Flugzeugführers, rechts saß der Beobachter und dahinter saßen Funker und Bordmechaniker. Der Beobachter musste im Einsatz das Maschinengewehr vorne in der Kanzel bedienen, der Funker das Maschinengewehr, das im Boden eingebaut war und Angriffe von unten abwehren sollte. Dazu gibt es noch einen drehbaren Turm mit einer Maschinenkanone, der oben aus dem Flugzeug herausragte. Darin saß dann der Bordmechaniker und konnte damit Angriffe von oben und allen Seiten abwehren. Ein Soldat hatte mir alles erklärt, ich durfte mich auf alle Plätze setzen und Steuerknüppel, Maschinengewehr sowie den Turm mit der Bordkanone bewegen. Für einen Jungen damals ein unbeschreibliches Erlebnis. Alle Soldaten hatten auch wohl den Auftrag, die Jungen für das Militär zu begeistern.
Mit einigen Maschinen wurde, nachdem sie startklar waren, ein Werkstattflug gemacht. Beeindruckt habe ich die Besatzungen einsteigen und starten gesehen. Natürlich habe ich gefragt, ob ich einmal mitfliegen dürfe. Sie haben nur gelacht.
Dass in diesen Flugzeugen Menschen saßen, die um die ständige Lebensgefahr bei ihren Einsatzen und auch Angst hatten, war mit nicht bewusst. Wir hörten nur vom „Heldentum des deutschen Soldaten“.
Aber es gab auch Haudegen. Oberleutnant Heinz Michaels war bei uns im Quartier. Er war Pilot und Staffelführer mit über 200 Feindflügen, ausgezeichnet mit der Goldenen Frontflugspange, den Eisernen Kreuzen und dem Deutschen Kreuz in Gold. Ihm fehlte nur noch das Ritterkreuz. Wie mir sein Besatzungskamerad Heinrich Kobruch nach dem Kriege erzählte, hatte er „starke Halsschmerzen“. So hieß das damals bei der Wehrmacht, wenn einer scharf auf das Ritterkreuz war. (Diese hohe Auszeichnung wurde um den Hals getragen). Heinrich Kobruch berichtete, dass er viele Einsätze nach England mit ihm geflogen sei. Wenn sie dann dort ihre Bomben abgeworfen hatten und der Gefahr der sehr effektiven englischen Fliegerabwehr endlich entkommen waren, dann drehte Michaels zum Schrecken seiner Besatzung, wieder um. Er wollte unbedingt noch eines der ihn verfolgenden englischen Jagdflugzeuge abschießen und hat erst aufgegeben, wenn der Treibstoff knapp wurde. Michaels hatte den Krieg überlebt und hat uns einmal besucht.
Gegen Ende des Krieges wurde wegen der sehr hohen Verluste bei den Flügen nach England auch in Ahlhorn die Raketenwaffe V1 eingesetzt. Diese mit Sprengstoff gefüllten Raketen wurden unter die tragbaren Flugzeuge montiert und vor der englischen Küste ausgeklinkt und gezündet. Sie flogen dann selbstständig in das Zielgebiet, wo sie explodierten. Dieses erfuhr man erst nach dem Krieg.
Bei den Luftwaffeneinheiten gab es mehrmals einen Wechsel. Sie wurden auf andere Flugplätze verlegt und neue Staffeln zogen ein.
Am 21. und 22. März 1945 wurde der Flugplatz Ahlhorn durch Bombenbangriffe restlos zerstört. Daher wurden die in Großenkneten stationierten Luftwaffensoldaten abgezogen. Mein Vater bekam am 30. März den Auftrag, mit seinem Traktor und Anhänger das Gepäck der in der Gastwirtschaft am Markt einquartierten Soldaten nach Ahlhorn zu fahren. Ich durfte mit, weil es ein warmer Tag war. So fanden wir uns am Nachmittag pünktlich am Markt ein. Da hieß es erst einmal warten, bis der telefonische Befehl einging. Nach Stunden, es war schon dunkel, ging es dann endlich los. Unterwegs auf der Straße nach Ahlhorn überholten wir marschierende Soldaten. Sie hielten uns an und sagten in ihrer Aufregung: „Macht sofort das Licht aus, hier flog eben ein vermutlich feindlicher Tiefflieger rüber!“
Obwohl die Scheinwerfer vorschriftsmäßig bis auf einen ca. 2,5 cm breiten Streifen mit schwarzer Farbe abgedunkelt waren, muss aber doch das Licht für ein tief fliegendes Flugzeug noch gut erkennbar gewesen sein. Wir hatten das Flugzeug wegen des lauten Traktorenmotors nicht gehört. Als wir nach Hause kamen, lief uns Mutter recht erleichtert entgegen. Es war tatsächlich ein Tiefflieger. Der Pilot hatte an der Kreuzung Hauptstraße / Markt das Licht an einem parkenden Wehrmachtsfahrzeug gesehen, flog vom Ortsteil Hellbusch her das Ziel an und feuerte mit der Bordkanone seine Salven ab. Dabei traf er nicht nur das Fahrzeug, sondern auch durch das Fenster die Familie Bruns. Die zehnjährige Tochter Irma, eine Klassenkameradin meiner Schwester, wurde getötet und die Mutter an der Hand verletzt.“
20. Dezember 1943 (Erinnerungen von Heinrich Thoms)
Am 20. Dezember 1943 stürzte gegen 12.30 Uhr eine viermotorige Boeing in die Wildeshauser Straße in Höhe von „Schuh Horst“. Die Maschine zerschellte dermaßen, dass von ihr nur Trümmerteile übrig blieben. Über den Verbleib der Mannschaft wurde nichts bekannt. Zu diesem Zeitpunkt kam die 28-jährige Martha Feye von ihrem Arbeitergeber, dem Kohlen- und Kunstdüngerhändler Siegfried Freygang. Sie wurde von den brennenden Teilen erfasst und erlag ihren schweren Verbrennungen. Das Haus von Zitterich gegenüber dem Schuhgeschäft, brannte bis auf die Grundmauern ab. Ihr Name wird auf der Tafel des Ehrenfriedhofes unter den im Kriege Gefallenen mit aufgeführt.
1944
Großer Luftangriff
22. Februar 1944
Den ersten großen Luftangriff auf den Flugplatz Ahlhorn flogen die Alliierten am 22. Februar 1944. Um 14.03 Uhr griffen Bomber der „8th US AIR FORCE“ den Platz an. Insgesamt wurden 160 Fünfhundertpfund-Bomben abgeworfen. Dieser Angriff richtete keine größeren Schäden an. Von den Rollbahnen wurde nur die südwestliche durch drei Treffer beschädigt. Im Kasernenbereich und auf dem Vorfeld verzeichnete man einige Treffer. Außerdem wurde die Eisenbahn- und Straßenverbindung nach Vechta unterbrochen. Die Luftbildauswertung der Alliierten zählte 12 Flugzeuge am Boden, die aber nicht zerstört wurden.
April 1944
Hans Pollok aus Bremen berichtet aus seiner Ausbildungszeit im Reichsarbeitsdienstlager 3/194 Ahlhorn Folgendes:
„Ich bin vom 04.April 1944 bis 30 Juni 1944 in das damalige Lager im Alter von 17 Jahren eingezogen worden. Nach den Ausbildungen an „Spaten und Gewehr“ wurden wir hauptsächlich zum Bau von Waldschneisen am Ahlhorner Flugplatz eingesetzt. Wir exerzierten auf dem Flugfeld und verrichteten sonstige Arbeiten im, und um das Lager.
Flugzeugabsturz
18. Mai 1944
Gegen 16.22 Uhr stürzte am 18. Mai 1944 im Feldmühlenholz eine Messerschmitt Me 110 ab. Alle drei Besatzungsmitglieder fanden sofort den Tod. Eine im Feldmühlenholz befindliche Erinnerungsstätte wird bis heute noch gepflegt.
22. Dezember 1944 (Erinnerungen von Heinrich Thoms)
Am 22. Dezember 1944 gegen 19.00 Uhr startete eine mit Bomben beladene Ju 88 zum Feindflug. Dabei platzte ein Reifen, die Maschine geriet außer Kontrolle und kam von der Startbahn ab. Dabei zündete eine Bombe und die Maschine ging in Flammen auf. Alle vier Insassen kamen dabei ums Leben.
1945
Das Ende des Fliegerhorstes
21. und 22. März 1945
Die entscheidenden Luftangriffe erfolgten am Mittwoch, dem 21. und am Donnerstag, dem 22. März 1945. Sie bedeuteten das Ende für den Fliegerhorst der Deutschen Reichsluftwaffe. Am 21. März zwischen 09.35 Uhr und 9.36 Uhr warfen 61 Bomber 1.512 Einhundert- und 1.260 Einhundertzwanzigpfund-Bomben ab. Am nächsten Tag, kurz vor Mittag, waren es sogar 99 Bomber, die sieben Minuten lang den Flugplatz angegriffen haben. Jetzt fielen noch einmal 3.696 Bomben mit einem Sprenggewicht von gut 185.000 Kilogramm auf den Flugplatz.
Am 21. März 1945 wurden südlich des Fliegerhorstes Ahlhorn die Mutter Wilhelmine Böning mit ihren Kleinkind Gisela Böning, sowie ein auf demselben Grundstück befindliches älteres Ehepaar aus Wilhelmshaven von Splitterbomben getroffen und getötet. Die Mutter, wie auch ihr Kind, werden auf der Tafel des Ehrenfriedhofes genannt.
Bomberverbände sollten Oldenburg vernichten
3. Mai 1945
Heinrich Rabeling (von 1933 bis 1945 Oberbürgermeister von Oldenburg) zitiert in seinem Aufsatz „Die Besetzung der Stadt Oldenburg“:
Am Morgen des 3. Mai haben, wie mir später glaubwürdig versichert wurde, Bomberverbände der Alliierten auf dem Flugplatz Ahlhorn startbereit gestanden, um die Stadt Oldenburg im Falle des Auftretens von Widerstand anzugreifen.
Bleibt die Frage offen, ob die Startbahn für einen solchen Einsatz von Bomberverbänden überhaupt zu gebrauchen war. Denn erst Ende 1945 beginnen die Briten damit, den Fliegerhorst in Stand zu setzen, wenn auch zunächst provisorisch.
1941 bis 1945
Bau einer Luftmineanlage, Propagandastaffel (He 111) führte Flüge im Westfeldzug durch. Während des Zweiten Weltkrieges war Ahlhorn Einsatzflugplatz u. a. für das Kampfgeschwader 55, das mit der „Heinkel“ He 111 als fliegende Abschussrampe für V-1 Raketen zum Einsatz kam. Die Raketen wurden über der Nordsee ausgeklinkt, gezündet und ins Ziel, vornehmlich auf Schiffe der Alliierten gesteuert. Weiter waren auf dem Platz stationiert: Das 4/Nacht-Jeschwader 2 mit der „Focke-Wulf“ FW 190 und ein Geschwader mit dem bekanntesten Flugzeugtyp „Junkers“ Ju 52, das für den Transport von Lasten und Soldaten zuständig war.
Ende Dezember 1944 / März 1945
Gerd Fahron, eine ehemaliger Pilot erzählte mir am 9. September 2003 Folgendes: Ende Dezember 1944 wurden wir mit unserem Kampfgeschwader II (Ju 88) von Frankreich nach Ahlhorn verlegt. Bis Mitte März flogen wir von Ahlhorn aus Angriffe auf die englische Ostküste, um den Nachschub der Amerikaner zu stören. Außerdem verminten wir die Scheldemündung in den Niederlanden. Es war nicht mehr möglich, am Tag aufzusteigen, denn dann gehörte die Lufthoheit den Engländern. Mit der Abenddämmerung begann unser Einsatz, von dem wir oft erst mitten in der Nacht zurückkamen. Die Flugzeuge – es waren zusammen ca. 50 Stück – lagen im Wald südlich der Landebahn versteckt unter Tarnnetzen. Ging es zum Einsatz über, schoss der Einsatzoffizier mit einer Leuchtpistole in die Luft. Grün bedeutete „Start frei“. Funkverständigung hatten wir nur untereinander. Bei einem Rückflug ließ sich durch einen Beschuss der Flak das Fahrgestell nicht mehr ausfahren. Mir blieb daher nichts anderes übrig als eine Bauchlandung zu machen. Die Maschine erlitt dabei einen Totalschaden.
Aber es passierte uns noch ein anderes Missgeschick: Zu Beginn unseres Einsatzes mit dem Ziel, nach England zu fliegen, rollte ich schon mit hoher Geschwindigkeit auf die Startbahn, als plötzlich das Fahrwerk abknickte. Alles ging nun in Sekundenschnelle. Sofort Brandhahn schließen, die Zündung aus, und den Mechanismus für den Minenabwurf sowie für den Abwurf des Daches auslösen. Dabei flog das Dach herunter und die Ankertauminen rollten auf die Startbahn. Der Bordschütze, der Funker, der Beobachter und ich sahen zu, so schnell wie möglich aus der Maschine zu kommen. Dabei sahen wir, wie die Minen noch über die Fahrbahn rollten und einige am Rande stehenden das Weite suchten. Zum Glück geschah aber nichts. Das Flugzeug fing kein Feuer und die Minen konnten wenig später abtransportiert werden. Alles musste aber schnell weitergehen, denn eine Hälfte des Geschwaders war schon in der Luft und wartete auf die weiteren Maschinen, um den Feind in geschlossener Formation anzugreifen.
Auszug aus dem Buch: Die Geschichte des Fliegerhorstes Ahlhorn, Dirk Faß, 2014, Isensee-Verlag Oldenburg.